Oh what a day! – Oder auch: Immer diese Radfahrer.
Der Weckruf in Reliegos erfolgt wie üblich mit Rascheln und Wühlen, ein Phänomen, über das ich mittlerweile eine Diplomarbeit schreiben könnte. Wie immer stopfe ich meine Sachen in den Schlafsack und flüchte zum Packen nach draußen. In diesem Augenblick öffnet sich die Tür vom Gemeinschaftsraum, und heraus tritt Krankenpfleger Ricardo, eingewickelt in eine weiße Gardine, das Kopfkissen unter den Arm geklemmt. Keine Ahnung, was er dort getrieben hat, ob er von Schnarchern aus dem Schlafsaal vertrieben wurde oder ein Co-Pilgerin getroffen hat – mitsamt seinem total verwirrten Gesichtsausdruck ist er auf jeden Fall ein köstlicher Anblick.
Der Wandertag beginnt mit Hahnenschrei und Sonnenaufgang. Kein Pilger schaut geradeaus, jeder starrt nach rechts und bleibt alle paar Meter mit gezückter Kamera stehen, denn die Berge am nördlichen Horizont leuchten wie der Himmel in allen möglichen dramatischen Rottönen. Aber wie in Sarrance im Alpenglühen-Kloster kann kein Fotoapparat diesen Augenblick wirklich festhalten.
Im ersten Ort am Wegesrand gibt es Café con leche und etwas unanständig Süßes, dann spaziert man an der belebten Landstraße entlang. Alles andere als schön, aber egal: León wartet! Es geht ein wenig bergauf, schon sind es nur noch acht Kilometer bis León… León… León! Dann führt der Camino plötzlich steil bergab, das steht so definitiv nicht im Wanderführer, und während ich mich mühsam mit meinem Stock durch eine Art ausgetrockneten Gebirgsbach vortaste – León inklusive Kathedrale in Sichtweite – höre ich hinter mir ein Geräusch, das ich mittlerweile nur allzu gut kenne: Ein Radpilger. Wer ist denn so verrückt, hier mit dem Fahrrad hinunter zu brettern? Mein Stock und ich haben zu Fuß schon genügend Probleme. Ich springe dem Radpilger aus dem Weg, der sagt artig Gracias und Buen Camino, und ich sage unartig Blödmann. Ein paar Augenblicke später dasselbe Geräusch, dieses Mal kommen sie gleich zu fünft den unebenen Pfad hinunter gesaust. Diese verdammten Radpilger! Auf den Schotterstraßen wirbeln sie Staubwolken auf, in denen man dann laufen darf, grundsätzlich hört man sie immer erst, wenn sie kurz hinter einem sind, so daß auf schmalen Wegen nur ein Sprung ins Gebüsch hilft, und wiedersehen tut man sie sowieso nie.
Aber egal, ich will mich nicht ärgern, denn gleich bin ich in León… in León… in León, das nur noch 320km von Santiago entfernt liegt. Wer hätte gedacht, daß ich einen Fußweg von 320km mal mit den Worten „nur noch“ versehen würde? Tatsache ist: Selbst wenn ich den Camino jetzt noch aus irgendwelchen Gründen abbrechen muß (was ich aber für unwahrscheinlich halte), kann ich in den Herbstferien wiederkommen und die letzten 320km bequem zu Ende laufen. Und so spaziere ich mit meinem León-León-Singsang auf den Lippen über die Fußgängerbrücke in die Stadt, als aus dem kompletten Nichts ein Radfahrer auftaucht, mit einem Affenzahn auf mich zurast, mich touchiert, so daß ich mich einmal halb um mich selbst drehe, und dann auf den Asphalt fliegt. Dem Mann ist eigentlich viel mehr passiert als mir, aber das ändert nichts daran, daß ich diejenige bin, die mitten auf dem Bürgersteig in Tränen ausbricht. Natürlich sind in diesem Augenblick nur Spanier in der Nähe, die zwar hilfsbereit Taschentücher verteilen, aber ebensowenig wie der sich ständig entschuldigende Radfahrer mit dem blutenden Arm verstehen, was ich um Vokabeln ringend zu versuchen erkläre: Daß es nur der Schrecken ist, der meine Tränen immer weiter fließen läßt, der Weckruf aus meinem wunderbaren „Das-Leben-ist-ein-einziger-Camino-Gefühl“. Habe ich nicht eben noch darüber nachgedacht, daß ich in den Herbstferien wiederkommen kann, wenn ich den Camino abbrechen muß – und den Gedanken dann als unwahrscheinlich zur Seite geschoben? Über drei Wochen bin ich jetzt schon unterwegs, ohne die geringste Schwierigkeit, und dann kann es so schnell gehen, nur ein falscher Schritt, nur eine Unachtsamkeit, und der Camino ist vorbei.
Irgendwann versiegen meine Tränen , der Radfahrer verabschiedet sich erleichtert, ich verstecke meine roten Augen hinter der Sonnenbrille und wandere mit zitternden Knien im Windschatten eines französischen Pilgers zur Albergue de las Carbajalas, einem Benediktinerinnenkloster. Momentan habe ich nur noch ein Bedürfnis: Mich ins Bett legen und in Ruhe meine aufgewühlten Gedanken ordnen.
Allerdings habe ich die Rechnung ohne die Nonnen gemacht. Die Anmeldung geschieht bei einer strengen Señora an einem Tisch im Innenhof. Da mein Credencial voll ist, muß mir ein neues ausgestellt werden. Dieses Verfahren gestaltet sich unerwartet kompliziert: Erst muß ich einen Bogen ausfüllen mit allen Angaben, die bereits im ersten Credencial stehen. Dann muß ich zehn Minuten warten. Immerhin genügend Zeit um festzustellen, daß Francoise aus Calzadilla auch hier ist. Außerdem fällt mir ein junger spanischer Pilger auf, der die allerfurchtbarsten Blasen der Welt versorgt und mit einem strahlenden Lächeln versichert, daß sei gar nicht so schlimm. Schließlich kommt eine sehr alte Dame angewackelt und überträgt meine Angaben mit sehr steifen Fingern in das neue Credencial. Da sie meine Schrift nicht lesen kann, bekomme ich einen neuen Vornamen. Die Sache wird nicht besser, als ich ihr als Hilfe das in gestochen scharfer Handschrift ausgefüllte erste Credencial hinschiebe. Nun bekomme ich auch noch einen neuen Nachnamen. Als ich dann noch zu erklären versuche, daß ich nicht in Somport, sondern Oloron gestartet bin, kapituliert sie – sie schiebt mir das Credencial hin, und ich darf selbst weiterschreiben.
Und nun, bitteschön, endlich auf zum Bett! Pustekuchen. Die strenge Señora von der Anmeldung pfeift mich im Ton eines Feldwebels zurück. Bitte, ich bin müde und aufgewühlt und möchte… nein, ich muß warten, bis zwei weitere weibliche Pilgerinnen eingetroffen sind. Dann werden wir gemeinsam von Señora Feldwebel zum Damenschlafsaal geführt – ja, hier gibt es nämlich als großen Pilgerluxus getrennte Schlafsäle! – , wo wir weitere Instruktionen erhalten: In die oberen Betten, ihr seid jung! Sofort den Schlafsack auf die Matratze! Und kommt ja nicht auf die Idee, den Rucksack auf’s Bett zu legen! – Keine Ahnung, wie sie glauben kann, ich könnte meinen Rucksack auf ein oberes Etagenbett hieven wollen. Kopfkissen gibt es keine, aber das ist mir egal, dafür habe ich meine Fleece-Jacke, Hauptsache, ich kann mich endlich hinlegen und Ordnung in meine verwirrte Gedankenwelt bringen! Später kommt Señora Feldwebel nochmal wieder und weist eine asiatische Pilgerin zurecht, die so ungeschickt war, auf ihrem Bett ein Brötchen zu essen. Essen im Schlafsaal verboten! Gut, daß ich ganz hinten liege und sie meine Erdnüsse nicht sieht. Jutta, die kurz nach mit angekommen ist, fragt arglos nach einem Kopfkissen. Kopfkissen gibt es hier nicht! Dies ist ein Kloster! – Aha. Offensichtlich müssen die armen Nonnen auch ohne Kopfkissen schlafen. Pilgerfreund Kerkeling hätte an dieser Herberge seine helle Freude gehabt. Und es kommt noch besser: Die Damenschlafsäle liegen im Basement, ebenso die Damenbäder, die interessierte Bevölkerung von León flaniert vorbei, hin und wieder bückt sich mal jemand hinab, um durch das geöffnete Fenster mit den mehr oder weniger bekleideten Pilgerinnen im Bade zu plaudern. Ich kann mich plötzlich nicht mehr daran erinnern, wie ich hier landen konnte. Gestern habe ich mir noch was von einem Vier-Sterne-Hotelzimmer zusammenphantasiert, das ich mir als Belohnung in León verdient hätte, und nun stellt sich zu allem Überfluß auch noch heraus: Die Betten um mich herum sind von der vielköpfigen spanischen Damentruppe belegt, vor der ich seit Calzadilla de la Cueza davonlaufe. Die Nacht wird also mit Rascheln und Wühlen enden.
Irgendwann raffe ich mich aus meiner schlechten Laune auf. Ich bin in León, und ich habe viel zu tun! Magnesiumtabletten, Hirschtalgcreme und ein neues T-Shirt kaufen, die Stadt und die Kathedrale besichtigen, vielleicht endlich mal Postkarten schreiben, im Supermarkt meine Vorräte auffüllen, eine warme Mahlzeit zu mir nehmen… Die warme Mahlzeit bekomme ich in der Fußgängerzone an der Kathedrale. Hierbei entdecke ich einen neuen Zeitvertreib, der gut zu meiner heutigen Miesepetrigkeit paßt: Alte von neuen Pilgern unterscheiden. Die neuen – und von denen gibt es in León viele – haben saubere Klamotten an, weiße Beine, recht große Rucksäcke und einen zweifelnden Blick, mit dem sie zu fragen scheinen: War das eine gute Idee? Werde ich dieses Ding bis Santiago tragen?
Hirschtalgcreme suche ich in den Apotheken von León vergeblich, aber immerhin bringt mir dieses Vorhaben ein wenig Smalltalk ein und die Erkenntnis, daß, wenn so viele Apotheker zu einer radebrechenden Pilgerin so nett sind, ich mir mit meiner Laune auch etwas mehr Mühe geben könnte. Bei meiner Rückkehr in die Herberge – die ich mittlerweile Nonnenbunker getauft habe – habe ich endlich begriffen, daß meine schlechte Stimmung nicht von alleine verfliegt. Seit dem Zusammenstoß mit dem Radfahrer weiß ich, daß ich vom Alleinpilgern genug habe. Es war schön und aufregend in den ersten Wochen alleine zu laufen, als jeder neue Tag noch eine echte Herausforderung war, und es war richtig, daß ich mich von Giuseppe und Maureen getrennt habe, da ich ihr Tempo einfach nicht halten konnte, aber jetzt, im letzten Drittel, ist mir definitiv nach Gesellschaft. Und wenn ich Gesellschaft will, liegt es an mir, dafür zu sorgen. Also stürze ich mich in die (größtenteils deutsche) Pilgerrunde im Innenhof, und tatsächlich ist die schlechte Laune schon bald verflogen. Nur meine Vorurteile über Radpilger erhalten nochmal frische Nahrung: Ein bayerischer Radler aus der Tischrunde greift plötzlich um sich, jemand kreischt, Federn fliegen und am Ende flattert eine halbgerupfte Taube über den Tisch. Der Bayer erklärt ernsthaft, er hätte eine Taube fangen wollen, daß mache er immer mal so zum Spaß – und ich bin einmal mehr dankbar, daß man Radpilger nie wieder sieht.
Um halb zehn folgen wir den Nonnen zum Nachtgebet und Pilgersegen in die Kapelle. Sehr erstaunlich, diese vierzehn schwarzgekleideten Damen, die da in ihren Kirchenstühlen sitzen. Unnötig zu erwähnen, daß bis auf die eine Novizin alle jenseits von grauhaarig sind. Eigenartig ihre Gesichtsausdrücke, so ergeben, andächtig, konzentriert und gleichzeitig doch auch abwesend. Das sind also die Nonnen, die ohne Kopfkissen schlafen? – Für ernsthafte Pilgergedanken bin ich heute wirklich nicht zu haben, und so läßt mich auch das Gebet und der Segen, den die Oberin über uns ausspricht, seltsam unberührt. Das ist alles sehr nett gemeint, aber die Herberge ist gräßlich, und diese ergebenen schwarzgekleideten Damen haben irgendwie überhaupt gar nichts mit meiner Welt gemein.







