Feeds:
Artikel
Kommentare

León, 13. Juli 2009

Oh what a day! – Oder auch: Immer diese Radfahrer.
Der Weckruf in Reliegos erfolgt wie üblich mit Rascheln und Wühlen, ein Phänomen, über das ich mittlerweile eine Diplomarbeit schreiben könnte. Wie immer stopfe ich meine Sachen in den Schlafsack und flüchte zum Packen nach draußen. In diesem Augenblick öffnet sich die Tür vom Gemeinschaftsraum, und heraus tritt Krankenpfleger Ricardo, eingewickelt in eine weiße Gardine, das Kopfkissen unter den Arm geklemmt. Keine Ahnung, was er dort getrieben hat, ob er von Schnarchern aus dem Schlafsaal vertrieben wurde oder ein Co-Pilgerin getroffen hat – mitsamt seinem total verwirrten Gesichtsausdruck ist er auf jeden Fall ein köstlicher Anblick.
Der Wandertag beginnt mit Hahnenschrei und Sonnenaufgang. Kein Pilger schaut geradeaus, jeder starrt nach rechts und bleibt alle paar Meter mit gezückter Kamera stehen, denn die Berge am nördlichen Horizont leuchten wie der Himmel in allen möglichen dramatischen Rottönen. Aber wie in Sarrance im Alpenglühen-Kloster kann kein Fotoapparat diesen Augenblick wirklich festhalten.
Im ersten Ort am Wegesrand gibt es Café con leche und etwas unanständig Süßes, dann spaziert man an der belebten Landstraße entlang. Alles andere als schön, aber egal: León wartet! Es geht ein wenig bergauf, schon sind es nur noch acht Kilometer bis León… León… León! Dann führt der Camino plötzlich steil bergab, das steht so definitiv nicht im Wanderführer, und während ich mich mühsam mit meinem Stock durch eine Art ausgetrockneten Gebirgsbach vortaste – León inklusive Kathedrale in Sichtweite – höre ich hinter mir ein Geräusch, das ich mittlerweile nur allzu gut kenne: Ein Radpilger. Wer ist denn so verrückt, hier mit dem Fahrrad hinunter zu brettern? Mein Stock und ich haben zu Fuß schon genügend Probleme. Ich springe dem Radpilger aus dem Weg, der sagt artig Gracias und Buen Camino, und ich sage unartig Blödmann. Ein paar Augenblicke später dasselbe Geräusch, dieses Mal kommen sie gleich zu fünft den unebenen Pfad hinunter gesaust. Diese verdammten Radpilger! Auf den Schotterstraßen wirbeln sie Staubwolken auf, in denen man dann laufen darf, grundsätzlich hört man sie immer erst, wenn sie kurz hinter einem sind, so daß auf schmalen Wegen nur ein Sprung ins Gebüsch hilft, und wiedersehen tut man sie sowieso nie.
Aber egal, ich will mich nicht ärgern, denn gleich bin ich in León… in León… in León, das nur noch 320km von Santiago entfernt liegt. Wer hätte gedacht, daß ich einen Fußweg von 320km mal mit den Worten „nur noch“ versehen würde? Tatsache ist: Selbst wenn ich den Camino jetzt noch aus irgendwelchen Gründen abbrechen muß (was ich aber für unwahrscheinlich halte), kann ich in den Herbstferien wiederkommen und die letzten 320km bequem zu Ende laufen. Und so spaziere ich mit meinem León-León-Singsang auf den Lippen über die Fußgängerbrücke in die Stadt, als aus dem kompletten Nichts ein Radfahrer auftaucht, mit einem Affenzahn auf mich zurast, mich touchiert, so daß ich mich einmal halb um mich selbst drehe, und dann auf den Asphalt fliegt. Dem Mann ist eigentlich viel mehr passiert als mir, aber das ändert nichts daran, daß ich diejenige bin, die mitten auf dem Bürgersteig in Tränen ausbricht. Natürlich sind in diesem Augenblick nur Spanier in der Nähe, die zwar hilfsbereit Taschentücher verteilen, aber ebensowenig wie der sich ständig entschuldigende Radfahrer mit dem blutenden Arm verstehen, was ich um Vokabeln ringend zu versuchen erkläre: Daß es nur der Schrecken ist, der meine Tränen immer weiter fließen läßt, der Weckruf aus meinem wunderbaren „Das-Leben-ist-ein-einziger-Camino-Gefühl“. Habe ich nicht eben noch darüber nachgedacht, daß ich in den Herbstferien wiederkommen kann, wenn ich den Camino abbrechen muß – und den Gedanken dann als unwahrscheinlich zur Seite geschoben? Über drei Wochen bin ich jetzt schon unterwegs, ohne die geringste Schwierigkeit, und dann kann es so schnell gehen, nur ein falscher Schritt, nur eine Unachtsamkeit, und der Camino ist vorbei.
Irgendwann versiegen meine Tränen , der Radfahrer verabschiedet sich erleichtert, ich verstecke meine roten Augen hinter der Sonnenbrille und wandere mit zitternden Knien im Windschatten eines französischen Pilgers zur Albergue de las Carbajalas, einem Benediktinerinnenkloster. Momentan habe ich nur noch ein Bedürfnis: Mich ins Bett legen und in Ruhe meine aufgewühlten Gedanken ordnen.
Allerdings habe ich die Rechnung ohne die Nonnen gemacht. Die Anmeldung geschieht bei einer strengen Señora an einem Tisch im Innenhof. Da mein Credencial voll ist, muß mir ein neues ausgestellt werden. Dieses Verfahren gestaltet sich unerwartet kompliziert: Erst muß ich einen Bogen ausfüllen mit allen Angaben, die bereits im ersten Credencial stehen. Dann muß ich zehn Minuten warten. Immerhin genügend Zeit um festzustellen, daß Francoise aus Calzadilla auch hier ist. Außerdem fällt mir ein junger spanischer Pilger auf, der die allerfurchtbarsten Blasen der Welt versorgt und mit einem strahlenden Lächeln versichert, daß sei gar nicht so schlimm. Schließlich kommt eine sehr alte Dame angewackelt und überträgt meine Angaben mit sehr steifen Fingern in das neue Credencial. Da sie meine Schrift nicht lesen kann, bekomme ich einen neuen Vornamen. Die Sache wird nicht besser, als ich ihr als Hilfe das in gestochen scharfer Handschrift ausgefüllte erste Credencial hinschiebe. Nun bekomme ich auch noch einen neuen Nachnamen. Als ich dann noch zu erklären versuche, daß ich nicht in Somport, sondern Oloron gestartet bin, kapituliert sie – sie schiebt mir das Credencial hin, und ich darf selbst weiterschreiben.
Und nun, bitteschön, endlich auf zum Bett! Pustekuchen. Die strenge Señora von der Anmeldung pfeift mich im Ton eines Feldwebels zurück. Bitte, ich bin müde und aufgewühlt und möchte… nein, ich muß warten, bis zwei weitere weibliche Pilgerinnen eingetroffen sind. Dann werden wir gemeinsam von Señora Feldwebel zum Damenschlafsaal geführt – ja, hier gibt es nämlich als großen Pilgerluxus getrennte Schlafsäle! – , wo wir weitere Instruktionen erhalten: In die oberen Betten, ihr seid jung! Sofort den Schlafsack auf die Matratze! Und kommt ja nicht auf die Idee, den Rucksack auf’s Bett zu legen! – Keine Ahnung, wie sie glauben kann, ich könnte meinen Rucksack auf ein oberes Etagenbett hieven wollen. Kopfkissen gibt es keine, aber das ist mir egal, dafür habe ich meine Fleece-Jacke, Hauptsache, ich kann mich endlich hinlegen und Ordnung in meine verwirrte Gedankenwelt bringen! Später kommt Señora Feldwebel nochmal wieder und weist eine asiatische Pilgerin zurecht, die so ungeschickt war, auf ihrem Bett ein Brötchen zu essen. Essen im Schlafsaal verboten! Gut, daß ich ganz hinten liege und sie meine Erdnüsse nicht sieht. Jutta, die kurz nach mit angekommen ist, fragt arglos nach einem Kopfkissen. Kopfkissen gibt es hier nicht! Dies ist ein Kloster! – Aha. Offensichtlich müssen die armen Nonnen auch ohne Kopfkissen schlafen. Pilgerfreund Kerkeling hätte an dieser Herberge seine helle Freude gehabt. Und es kommt noch besser: Die Damenschlafsäle liegen im Basement, ebenso die Damenbäder, die interessierte Bevölkerung von León flaniert vorbei, hin und wieder bückt sich mal jemand hinab, um durch das geöffnete Fenster mit den mehr oder weniger bekleideten Pilgerinnen im Bade zu plaudern. Ich kann mich plötzlich nicht mehr daran erinnern, wie ich hier landen konnte. Gestern habe ich mir noch was von einem Vier-Sterne-Hotelzimmer zusammenphantasiert, das ich mir als Belohnung in León verdient hätte, und nun stellt sich zu allem Überfluß auch noch heraus: Die Betten um mich herum sind von der vielköpfigen spanischen Damentruppe belegt, vor der ich seit Calzadilla de la Cueza davonlaufe. Die Nacht wird also mit Rascheln und Wühlen enden.
Irgendwann raffe ich mich aus meiner schlechten Laune auf. Ich bin in León, und ich habe viel zu tun! Magnesiumtabletten, Hirschtalgcreme und ein neues T-Shirt kaufen, die Stadt und die Kathedrale besichtigen, vielleicht endlich mal Postkarten schreiben, im Supermarkt meine Vorräte auffüllen, eine warme Mahlzeit zu mir nehmen… Die warme Mahlzeit bekomme ich in der Fußgängerzone an der Kathedrale. Hierbei entdecke ich einen neuen Zeitvertreib, der gut zu meiner heutigen Miesepetrigkeit paßt: Alte von neuen Pilgern unterscheiden. Die neuen – und von denen gibt es in León viele – haben saubere Klamotten an, weiße Beine, recht große Rucksäcke und einen zweifelnden Blick, mit dem sie zu fragen scheinen: War das eine gute Idee? Werde ich dieses Ding bis Santiago tragen?

Hirschtalgcreme suche ich in den Apotheken von León vergeblich, aber immerhin bringt mir dieses Vorhaben ein wenig Smalltalk ein und die Erkenntnis, daß, wenn so viele Apotheker zu einer radebrechenden Pilgerin so nett sind, ich mir mit meiner Laune auch etwas mehr Mühe geben könnte. Bei meiner Rückkehr in die Herberge – die ich mittlerweile Nonnenbunker getauft habe – habe ich endlich begriffen, daß meine schlechte Stimmung nicht von alleine verfliegt. Seit dem Zusammenstoß mit dem Radfahrer weiß ich, daß ich vom Alleinpilgern genug habe. Es war schön und aufregend in den ersten Wochen alleine zu laufen, als jeder neue Tag noch eine echte Herausforderung war, und es war richtig, daß ich mich von Giuseppe und Maureen getrennt habe, da ich ihr Tempo einfach nicht halten konnte, aber jetzt, im letzten Drittel, ist mir definitiv nach Gesellschaft. Und wenn ich Gesellschaft will, liegt es an mir, dafür zu sorgen. Also stürze ich mich in die (größtenteils deutsche) Pilgerrunde im Innenhof, und tatsächlich ist die schlechte Laune schon bald verflogen. Nur meine Vorurteile über Radpilger erhalten nochmal frische Nahrung: Ein bayerischer Radler aus der Tischrunde greift plötzlich um sich, jemand kreischt, Federn fliegen und am Ende flattert eine halbgerupfte Taube über den Tisch. Der Bayer erklärt ernsthaft, er hätte eine Taube fangen wollen, daß mache er immer mal so zum Spaß – und ich bin einmal mehr dankbar, daß man Radpilger nie wieder sieht.
Um halb zehn folgen wir den Nonnen zum Nachtgebet und Pilgersegen in die Kapelle. Sehr erstaunlich, diese vierzehn schwarzgekleideten Damen, die da in ihren Kirchenstühlen sitzen. Unnötig zu erwähnen, daß bis auf die eine Novizin alle jenseits von grauhaarig sind. Eigenartig ihre Gesichtsausdrücke, so ergeben, andächtig, konzentriert und gleichzeitig doch auch abwesend. Das sind also die Nonnen, die ohne Kopfkissen schlafen? – Für ernsthafte Pilgergedanken bin ich heute wirklich nicht zu haben, und so läßt mich auch das Gebet und der Segen, den die Oberin über uns ausspricht, seltsam unberührt. Das ist alles sehr nett gemeint, aber die Herberge ist gräßlich, und diese ergebenen schwarzgekleideten Damen haben irgendwie überhaupt gar nichts mit meiner Welt gemein.

Reliegos, 12. Juli 2009

Ab sofort werde ich die schwarzen Löcher suchen, die hier am Wegesrand Pilger verschlucken. Wo sind all die Menschen aus Hornillos, Calzadilla und Sahagún abgeblieben? In Calzada del Coto waren wir am Ende zu zehnt, da mag die Herbergs-Beschreibung „ohne Komfort“ den einen oder anderen abgeschreckt haben, aber auch hier in Reliegos, eine bequeme Tagesetappe von Leon entfernt, ist die Herberge nicht voll. Die Matratzensammlung unten in dem großen Saal deutet auf weit schlimmere Zeiten.

Morgens um halb sieben in Calzada del Coto:  Sechs tapfere Pilger, drei Franzosen, drei Deutsche, entscheiden sich gegen die Variante entlang der Autobahn und für den einsamen Weg auf der schnurgeraden Römerstraße Via Traiana. Noch im Halbdunkel hinter Calzada del Coto begegnen mir die ersten und hoffentlich letzten wilden Hunde des Weges. Danach bin ich dann hellwach. In Calzadilla de los Hermanillos, dem ersten und einzigen Ort am Wegesrand gibt es Frühstück, und zwar ein RICHTIGES Frühstück: Eier und Schinken und O-Saft. Danke, liebes Universum! Wie jeden Morgen in der letzten Woche laufen nebenbei die Stierläufe von Pamplona im obligatorischen Fernseher inklusive Live-Schaltung zum Krankenhaus – wie geht es den Verletzten des gestrigen Tages? Dagegen ist Big Brother harmlos. Peter erklärt mir einmal mehr, was ich schon von anderen Co-Pilgern gehört habe, wenn ich dem Fernseher demonstrativ den Rücken zukehre: Die Stierläufe wie die Stierkämpfe wurden erst von Franco richtig populär gemacht, um den Spaniern ein gemeinsames Nationalgefühl einzuimpfen. Dazu paßt, daß mir gestern zum ersten Mal ein Grafitti „Llibre Leon“ aufgefallen ist, „freies Leon“. Daß die Basken und die Katalanen (und aller Wahrscheinlichkeit nach auch die Galizier) sich nicht als Spanier fühlen, habe ich ja mittlerweile begriffen, aber daß jetzt auch noch Leon, das mit Kastilien doch das Herzstück Spaniens bildet, herumzicken will – das kommt mir doch etwas übertrieben vor. Was würden all diese stolzen Nationalisten wohl antworten, wenn ich sie fragte, welches Land letztes Jahr Fußball-Europameister geworden ist?

Nach dem Frühstück folgen achtzehn Kilometer Einsamkeit mit… Weizenfeldern. Nie wieder in meinem Leben werde ich eine unschuldige Scheibe Toastbrot verspeisen können, ohne an diese Woche in der Meseta zurückzudenken! Das deutsch-französische Pilger-Trüppchen läuft sich immer mal wieder gemeinsam oder versetzt über den Weg. Ich mag die alten Römer sehr, aber der heutige Zustand ihrer alten Straßen fängt an mich zu nerven: Da ragen die Steine so kreuz und quer auf den Weg, daß man bei jedem Schritt aufpassen muß. Außer einem gelben Pfeil, der ganz klar in die falsche Richtung zeigt, und einer riesigen vergessenen Straßenbautrasse, die es kurz vor Reliegos zu überqueren gilt, gibt es von der Strecke nichts zu berichten. Die positive Überraschung des Tages: Die Herbergsduschen in Reliegos, von meinem Wanderführer mit einem unheilverheißenden „akzeptabel“ beschrieben, sind frisch renoviert und die besten, denen ich bisher begegnet bin. Und während ich nach der kleinen Duschparty auf meinem Bett vor mich hindöse, tauchen auch ein paar von schwarzen Löchern verschluckte Pilger wieder auf: Erst Ricardo, der nette spanische Krankenpfleger, der seit der verunglückten Unterhaltung über deutsche Denkmalspflege in San Nicolás plötzlich kein Wort Englisch mehr spricht, wenn ich ihn grüße, und dann die siebenköpfige spanische Damentruppe, die gestern Morgen um halb fünf den Schlafsaal von Calzadilla de la Cueza wachgemacht hat. Ich befehle den Damen per Telepathie, sich dieses Mal für den anderen Schlafsaal zu entscheiden, und sie gehorchen mir brav. Nach Pilgermenü mit Jutta und Peter krabbele ich in meinen Schlafsack und kann immer noch nicht fassen, was morgen passieren wird: Ich werde in Leon ankommen. Einer der magischen Orte auf meiner persönlichen Camino-Karte, die letzte Großstadt vor Santiago, vor vier Wochen noch unendlich weit weg, jetzt nichts weiter als eine bequeme Tagesetappe entfernt.

 

Die Nacht im Etagenbett in Calzadilla de la Cueza ist dank der Wühler und Raschler um fünf Uhr morgens zu ende.  Und das ist nun wirklich erstaunlich, denn die Preisfrage lautet: Wo wollen die morgens um halb sechs hin? Ich hätte gestern gewettet, daß wir länger schlafen können, denn der offensichtliche Etappenort heißt Sahagún und ist nur dreiundzwanzig Kilometer entfernt – dafür muß niemand um halb sechs in die Dunkelheit rennen! Ich  tue das ja auch nicht, und ich will sogar noch einen Ort weiter! Und wieder einmal ist es faszinierend zu beobachten, mit wie wenig Rücksichtnahme ein Teil der Menschheit durch die Welt beziehungsweise durch Spanien spaziert. Pilgerregel Nummer eins: Wenn du die freie Wahl hast, nimm niemals – unter keinen Umständen – ein Bett in der Nähe a) des Badezimmers, b) der Tür oder c) der Treppe. Das norwegische Pärchen, das hier die reizvolle Kombination zwischen Bad und Treppe gezogen hat, muß eigentlich seit halb fünf senkrecht im Bett sitzen. Tut es aber erstaunlicherweise nicht.

Ich verlasse das gastliche Haus um kurz nach sechs – irgendwie erleichtert, daß General Giuseppe nur in meinem Hinterkopf über die „späte“ Uhrzeit meckert. Da ich außer drei Keksen nichts mehr zu essen habe, spaziere ich zunächst in Richtung Bar. Dort steht ein junger, hübscher, hellwacher Knabe hinter dem Tresen und begrüßt mich mit einem strahlenden Lächeln und der Frage „Café con leche?“. Gedankenlesen kann er also auch noch. Ein weiteres rätselhaftes Camino-Phänomen: In diesen weltvergessenen Orten gibt es tagsüber nur uralte Frauen und noch ältere Männer – und dann steht plötzlich morgens um sechs ein Junge an der Frühstücksbar, der jede Boygroup schmücken würde. Außer dem Café con leche gibt es noch Tostadas, vier getoastete Scheiben Weißbrot mit Butter und Marmelade. Nicht gerade das, was der Ernährungswissenschaftler unter einem Frühstück verstehen würde, aber wie der geradebrechte Smalltalk mit dem Kellner dazu angetan, meine Laune zu heben. Als es hell wird, spaziere ich schließlich los. Ein Hahn schreit, die ersten Vögel zwitschern. Der Horizont hinter mir färbt sich rosa: Seit fast drei Wochen Camino-Normalzustand.  Der Weg führt durch… Weizenfelder! Hier und da tatsächlich durchbrochen von Sonnenblumen.  In Ledigos klaue ich ein wenig Lavendel von der Dorfbepflanzung, das macht sich nett an meinem Rucksack. Ich hoffe und fürchte gleichzeitig, Maureen und Giuseppe wiederzutreffen, aber das wird den ganzen Tag über nicht geschehen. Pünktlich um zwölf Uhr treffe ich in Sahagún ein. Sahagún ist der Ort, in der Hape Kerkeling fürchtete, von wildgewordenen Jugendlichen erschossen zu werden. Irgendwie hatte ich ihn mir als verlorenes Wüstenkaff vorgestellt, dabei handelt es sich um ein richtiges Städtchen mit Geldautomat, Schleckermarkt und der berechtigten Hoffnung auf einen richtigen Supermercado.  In der kirchlichen Herberge hole ich mir einen Stempel und einen Stadtplan ab. Neben der Rezeption steht ein Klarinettenspieler und übt das Klarinettenkonzert von Mozart, das Lieblingsstück meines verstorbenen Vaters. Ich lausche ihm ergeben und glücklich. Ein allzu großes Wunder ist dieser Zufall aber nicht, denn mein Wanderführer hatte mir schon vorher verraten, daß in dieser Herberge Konzerte stattfinden.

Durch die Straßen von Sahagún zieht sich ein Kleidermarkt. Menschenmengen mit Rucksack zu durchqueren entpuppt sich als ganz neue Pilgerdisziplin. Im Supermarkt wird mir dann schlagartig klar, daß heute Samstag ist. Sämtliche Bürger Sahagúns erledigen ihre Lebensmitteleinkäufe, und das Letzte, was sie dabei brauchen, ist eine hungrige Pilgerin, die mit Rucksack und Einkaufswagen durch die fremden Regalreihen irrt. Nach dem Supermarkt und dem Kleidermarkt will ich nur noch eins: Weg aus dieser Stadt. Der Camino führt an Feldern und der Nationalstraße entlang, es ist nach dreizehn Uhr und verdammt heiß, mein linker Fuß meldet sich wieder mit Schmerzen, außer mir scheint nur noch ein übergewichtiger Franzose unterwegs zu sein, und die angesteuerte Herberge in Calzada del Coto verspricht laut Wanderführer „Kein Komfort“. Das kann alles Mögliche sein, ich male mir ein schmuddeliges Matratzenlager ohne Warmwasser aus. Tatsächlich ist die Herberge heute eine der positiven Überraschungen des Tages: Wirklich nichts weiter als ein kleines weißes Häuschen neben dem Sportplatz, ohne Küche, ohne Aufenthaltsraum, mit zwei schlichten kleinen Schlafsälen – aber auch mit zwei komplett ausgestatteten Badezimmern und reichlich Warmwasser. Sitzen kann man bei dem schönen Wetter an dem Tisch vor dem Haus, und die Wäsche trocknet ruckzuck, wenn man sie am Fußballtor aufhängt. Kurz nach mir treffen Jutta und Peter ein, ein  etwa vierzigjähriges deutsches Pärchen  mit rheinischem Tonfall, und nachdem sich eine andere deutsche Pilgerin heute Morgen bei mir nach einem Düsseldorfer Ehepaar in etwa diesem Alter erkundigt hat, bin ich einmal mehr davon überzeugt, daß der Camino ein Dorf ist. Wir genehmigen uns ein Feierabendgetränk in der schmuddeligen Bar gegenüber, wobei ich irgendwann feststelle, wie perfekt die beiden ausgestattet sind – jeder mit seinem eigenen Exemplar des auch mir bestens vertrauten Wanderführers. „Wir laufen nur zusammen,“ bemerkt Jutta etwas pikiert. Ach wie peinlich – auf mich hatten die beiden wirklich wie ein Paar gewirkt. Da war ich mit meinem Düsseldorfer Camino-Dorf-Schluß mal wieder etwas voreilig.

In der Herberge sind außer uns dreien nur mein schweigsamer polnischer Co-Pilger, der übergewichtige Franzose Bernard, drei erschöpfte spanische Jugendliche und zwei Französinnen, Claudine und Francoise. Francoise, eine zierliches Persönchen, das mindestens zwei Köpfe kleiner ist als ich, trägt ihren riesigen Rucksack seit Mitte Mai aus Le Puy durch die Gegend. Das erzählt sie mir beim Abendessen, das wir an dem Tisch vor der Herberge. Recht sitzen die Französinnen, links Jutta und Peter, und ich, in beiden Sprachen plaudernd, in der Mitte und so versöhnt mit mir wie seit Tagen nicht mehr. Ja, gestern habe ich mich wirklich schlecht gefühlt wegen des Abschieds von Maureen und Giuseppe, aber mittlerweile hat sich die Erkenntnis durchgesetzt: Wenn die beiden nicht verstehen, daß mir momentan meine Gesundheit wichtiger ist als ihre Gesellschaft, dann bin nicht ich diejenige, die das Problem hat.  – Mehr als gemeinsames Abendbrot hat dieser Ort nicht zu bieten, und so krabbeln wir alle um neun in unsere Schlafsäcke. Die einzige Frage, die mal wieder unbeantwortet geblieben ist, ist diese: Welches schwarze Pilgerloch am Wegesrand hat all die Leute verschluckt, die heute Morgen um halb sechs in Calzadilla losgelaufen sind? Hier sind sie jedenfalls nicht.

Wenn man vom Hospitalero gebeten wird, das untere Etagenbett für einen älteren Pilger zu räumen, dann kann man noch nicht so alt wirken, wie man sich gerade fühlt… Heute stand die gefürchtete Strecke auf der Römerstraße Via Aquitana auf dem Programm, zwölf schnurgerade Kilometer über eine baum- und schattenlose Ebene. So schlimm war es dann aber doch nicht. Die Uhrzeit – acht bis zwölf – war gut gewählt, dank MP3-Player ließ sich das erste Drittel gut gehen, in der letzten Stunde zog es sich dann, aber was soll’s? Weiter als bis Calzadilla de la Cueza, dem ersten Ort nach der Via Aquitana, wollte ich heute ohnehin nicht. In der örtlichen Bar verabschiede ich mich von Maureen und Giuseppe, die noch die sechs Kilometer bis Ledigos dranhängen wollen. Ob ich denn wirklich ganz sicher sei, daß ich hierbleiben will? Viel scheint hier ja nicht los zu sein… Da haben sie definitiv recht, in diesem Kaff (in dem es kein G’schäfterl gibt) ist der Hund begraben, die Herberge ist auch noch geschlossen, aber mein linker Fuß signalisiert mir ganz klar: Es ist genug. Irgendwie habe ich den Eindruck, daß Maureen und Giuseppe nicht nachvollziehen können, daß mir meine Gesundheit heute wichtiger ist als ihre Gesellschaft, und so fällt unser Abschied voneinander etwas steif aus. Ich rechne allerdings damit, daß wir uns spätestens in Santiago wiedersehen.

Maureen und Giuseppe sind also weitergezogen. Auch in Calzadilla gelandet sind hingegen der schweigsame Pole, mit dem ich, glaube ich, seit Viana parallel pilgere, und der spanische Krankenpfleger Ricardo aus San Nicolás,  der seit zwei Stunden in seiner Unterhose durch die Gegend hüpft und ebenso verzweifelt darauf wartet, daß seine Wäsche trocken ist, wie ich darauf warte, daß meine endlich gewaschen wird. Dann habe ich noch einen jungen spanischen Radpilger im Angebot, der mit einer Beinprothese unterwegs ist. Peinlich, peinlich, je mehr Mühe ich mir geben, den Jungen nicht anzustarren, desto öfter erwische ich mich dabei, genau das zu tun.

Am Nachmittag mache ich meinen üblichen Dorfspaziergang und beschließe: Stellvertretend für alle gottverlassenen Dörfer in der Meseta werde ich Calzadilla de la Cueza photographisch dokumentieren. Es gibt hier Häuser aus Lehm und mindestens eine Schafherde, die, als ich meinen Dokumentations-Entschluß gefaßt habe, prompt durch’s Bild hoppelt. Kaum bewege ich mich in Richtung der heruntergekommenen Kirche, da kommt eine Señora aus dem nächsten Haus gewackelt, schwenkt einen riesigen verrosteten Schlüssel und bedeutet mir, daß sie die Kirche gleich öffnen wird. Wo sie schon einmal dabei ist, bekomme ich auch noch eine Gratisführung, von der ich nur verstehe, daß St. Martin de Sowienoch der Schutzpatron des Dorfes ist. Abgesehen davon ist auch diese von außen eher verfallen und vergessen wirkende Kirche von innen überraschend hell und hübsch.

Calzadilla de la Cueza

Bei meiner Rückkehr hat sich die Herberge deutlich gefüllt. Ein deutsches Pärchen nickt mir begeistert zu, ohne daß ich wüßte weshalb. Eine siebenköpfige spanische Damentruppe belegt die letzten Betten. Der Radfahrer hat seine Beinprothese abgeschnallt und neben sein Bett gestellt. Ein besserer Mensch als ich würde da nicht ständig hinstarren! Dafür fällt mir endlich ein, woher ich die beiden Deutschen kenne. Das ist das Pärchen aus Hornillos, das so verärgert war, weil die Hospitalera eines ihrer Betten für die erschöpfte Osteuropäerin freigeräumt hatte. Kein Wunder, daß ich sie nicht sofort erkannt habe, denn mittlerweile sehen die beiden längst nicht mehr so frisch und faltenfrei aus! Er hat  entlang den Hemdsärmeln und dem Halsausschnitt einen schönen krebsfarbenen  Sonnenbrand, und sie kämpft wie ich gegen den x-ten Bad-Hair-Day in Folge. Willkommen auf dem Camino!

Heute war wieder ein Tag, an dem ich etwas lernen sollte. Nämlich: Ich muß wieder allein pilgern. So angenehm und manchmal auch beruhigend es in den letzten Tagen war, in Gesellschaft zu laufen: Mein Kopf, meine Füße, sämtliche Knochen in meinem Leib schicken mir die selbe Botschaft. Ich muß wieder zu meinem alten Rhythmus zurückfinden. Die relativ langen Etappen der letzten Tage wäre ich wahrscheinlich auch alleine so gelaufen, denn die Strecken in der Meseta sind relativ einfach, aber nun ist es genug.  Heute Morgen nervt mich Giuseppes Gemaule über das Frühstück, das Maureen und ich unbedingt noch in San Nicolás einnehmen wollen – damit sind wir eine halbe Stunde hinter seinem Zeitplan, oh mein Gott, welch eine Katastrophe um viertel nach sechs! – und auf dem Weg nach Frómista fängt nach dem rechten Knie und dem linken Fuß auch noch die rechte Schulter an zu schmerzen, und zwar so sehr, daß ich nicht mehr den obligatorischen Griff nach hinten zu der am Rucksack befestigten Wasserflasche machen kann. Meine Laune sinkt dem Nullpunkt entgegen. All das hat zur Folge, daß ich nicht wie sonst  Maureen und Giuseppe hinterhertrödele, sondern den beiden geradezu davonlaufe. Dabei treffe ich dann noch Martina und Mauro, der meine Geduld ein letztes Mal auf die Probe stellt. Mauro hat ein menschliches Bedürfnis, und während andere Pilger bei solchen Gelegenheiten hinter hier zugegebenermaßen nicht existenten Büschen verschwinden, bleibt Mauro wie selbstverständlich  mitten auf der Straße stehen, in der festen Erwartung, daß seine Tochter und ich ein paar Schritte hinter ihm ebenfalls stehenbleiben. Allmählich wünsche ich mir, ich wäre gestern bei der Fußwaschung doch meiner ersten Eingebung gefolgt und hätte ihm ganz unchristlich eine geknallt.

In Frómista holen mich Maureen und Giuseppe wieder ein. Die Sehenswürdigkeit des Ortes besteht aus der romanischen Kirche, die vor hundert Jahren sehr liebevoll restauriert wurde. Besonders beeindruckend sind  die Darstellungen von Menschen, Tieren und Fabelwesen, die an der Außenfassade den Dachfries zieren. Martina, die mit ihrem Vater im Nachbarcafé pausiert, hat Kunstgeschichte studiert und bietet an, uns eine kleine Kirchenführung zu geben.  Nach der langen Pause haben sich meine diversen schmerzenden Körperteile wieder erholt, und ich sehe den verbleibenden fünfzehn Kilometer etwas entspannter entgegen.

Autbahnbrücke hinter Frómista

Hinter Frómista quert der Camino die Autobahn – wir möchten gar nicht darüber nachdenken, in wenig Stunden man in Santiago sein könnte.  Wenig später gabelt der Weg sich auf in die schnelle und die schöne Variante. Die schnelle Variante führt zehn Kilometer an der Straße entlang nach, die schöne, für die wir uns entscheiden, bringt uns durch noch mehr Weizenfelder und ausgestorben wirkende Dörfer nach drei Stunden nach Villalcázar. Die Herberge öffnet gerade, der Hospitalero prüft mit äußerster Genauigkeit  unsere Pilgerausweise und notiert gewissenhaft die Startorte.  Bei mir stutzt er. – Oloron? Was? Da kommt er ja selbst her, da wohnt er eigentlich. Ob ich Französisch spreche? Ja? Monsieur ist vollkommen begeistert und lauscht erstaunt meiner Geschichte von dem Radrennen und dem verpatzten Start. – Ach, dieses Radrennen! Bringt jedes Jahr so viel Aufruhr in die Gegend. Und in Sarrance habe ich übernachtet? Im Kloster? Bei Pater Dominique (Ach, so hieß der also?!)? Manchmal ein bißchen ruppig, der Gute, oder? – Nö, zu mir war er sehr nett. – Das ist ja schön. Ich sei übrigens die erste Pilgerin, die er empfängt und die in Oloron gestartet ist. Er ist so begeistert, daß er aus irgendeiner Ecke einen Tourismus-Prospekt vom Vallée d’Aspe hervorzaubert. Ja, die Bilder versetzen mich sofort wieder in meine ersten Pilgertage zurück (ist das wirklich schon fast drei Wochen her?), und ich freue mich auch, jemanden zu treffen, der in dieser mir so paradiesisch erscheinenden Gegend zuhause ist. Nur Giuseppe, der darauf wartet, ebenfalls abgefertigt zu werden, wird von Sekunde zu Sekunde ungeduldiger. – Als ich mich später bei Monsieur nach den Öffnungszeiten des Lebensmittelgeschäftes erkundige, winkt er ab: Keine Panik, zum Essen heute Abend sei ich eingeladen, und die nette Kanadierin ebenfalls. Ohne jeden Zweifel die positive Überraschung des Tages, nur ein wenig peinlich, daß Giuseppe in der Einladung nicht mit eingeschlossen ist. Ich murmele, daß der Italiener, der mit uns angekommen ist, eigentlich auch zu meinem Pilgergrüppchen gehört. Der ist dann ebenfalls eingeladen, verkündet Monsieur, Essen um halb neun dann. – Als ich Maureen und Giuseppe, die schon gegenüber in der Bar beim späten Mittagessen sitzen, die Nachricht überbringe, murmelt Giuseppe: „Das bringt den ganzen Zeitplan durcheinander, dann kommen wir heute vor zehn nicht ins Bett, und dann morgen wieder früh aufstehen…“ – und genau das ist der Augenblick, in dem mir klar wird: Ich muß wieder allein pilgern.

Villalcázar hat eine riesige romanische Kirche, die von einem mißgelaunten Señor bewacht wird. Besichtigungen 1 Euro, Pilger 20 Cent. Wo denn wohl mein Credencial sei, wenn ich Pilgerin wäre? Am liebsten würde ich ihm meinen verpflasterten Zeh unter die Nase halten. „En el albergue“ wirkt dann aber auch. Es geht mir auch weniger um achtzig gesparte Cent als ums Prinzip. Würde man hier nicht einen schlechtgelaunten Menschen dafür bezahlen, daß er von den wenigen Besuchern Geld kassiert, hätte ich hier wie in jeder Kirche einen Euro in die Spendenbox gesteckt. – Im G’schäfterl des Ortes warten drei Orangen, drei Äpfel und ein paar vertrocknete Pflaumen auf Käufer. Auch hier ist die Señora äußerst schlecht gelaunt. Dabei würde sich doch ohne uns Pilger kein Mensch mehr für diese Gegend interessieren! Oder reagieren diese Leute mit ihrer Unfreundlichkeit heute nur auf die negativen Energien, die ich in meinem Ärger über General Giuseppe aussende?

Jeden Morgen frage ich mich, was mir heute an unerwartet Gutem widerfahren wird. Denn eines ist sicher: Es wird mir widerfahren. Ob es verschollen geglaubte Co-Pilger in Azofra sind oder ein überraschend gutes Abendessen in Redecilla del Camino oder die Tatsache, daß wir in Burgos noch ein Bett in der Wunsch-Herberge bekommen haben, weil die Hippie-Hospitalera vergessen hatte, das Completo-Schild von der Tür zu nehmen – irgendetwas Gutes geschieht jeden Tag. Das ist definitiv eine Camino-Regel. Das unerwartet Gute heute war der Augenblick, in dem ich als Nachzüglerin zum Herbergs-Lunch kam – wollte unbedingt meine Wäsche fertig machen – und der italienische Hospitalero anfing, interessante Dinge mit der Tomate auf meinem Teller zu tun. Er schnitt sie auf. Er schnitt sie ein. Er salzte sie. Er pfefferte sie. Er schnippelte das Basilikum klein, das ich ihn zuvor im Kräutergarten hatte pflücken sehen. Er verteilte das Basilikum auf den beiden Tomatenhälften. Dann gab er Olivenöl dazu. Das Ergebnis war die köstlichste, leckerste Tomate meines Lebens – und das, obwohl ich so unhöflich gewesen war, meine Wäsche dem allgemeinen Zusammensein vorzuziehen!

Der Wandertag in Hornillos del Camino begann heute morgen um fünf Uhr dreißig, womit Maureen, Giuseppe und ich sämtliche Vorurteile über Raschler und Wühler bestätigten. Den Vollmond vor uns, spazieren wir im Dunkeln durch Weizenfelder und über eine Hochebene, während hinter uns langsam die Sonne aufgeht. Dazu bläst ein überraschend kühler Wind – aber Sinn des frühen Aufstehens  ist ja auch, den Hitzegraden der Meseta zu entkommen. Rentner Rudis Ratschläge klingen mir in den Ohren: „Den Regenschirm wirst in der Meseta brauchen! Gegen die Sonne! Da kannst sonst nur nachts laufen!“. Nach zweieinhalb Stunden Einsamkeit in der Hochebene – und nachdem Maureen bereits jedes Gebüsch und jedes Erntefahrzeug am Horizont zu dem ersehnten Kirchturm erklärt hat – taucht unvermittelt Hontanas in einer Talsenke vor uns auf. Beim zweiten Frühstück in der Bar lernen wir Mauro und Martina kennen, Vater mit Tochter in meinem Alter aus Italien, die wie wir heute in San Nicolás in der Herberge der italienischen Jakobsbruderschaft übernachten wollen. Mauro tut so, als ob wir alte Bekannte wären, was ich wie bei meiner Begegnung mit der erschöpften osteuropäischen Pilgerin gestern nicht ganz ausschließen kann. Auf dem weiteren Weg kommen wir gut voran, es wird wärmer, um uns herum nachwievor Weizenfelder, Weizenfelder und noch mehr Weizenfelder. Wir passieren San Antón, eine der originellsten Herbergen auf dem Weg in einem halbzerfallenen Kloster, durch das der Jakobsweg geradewegs hindurchführt. Als wir uns um zehn in der ersten Bar von Castrojeriz zum dritten Frühstück niederlassen, erwischt uns das Schicksal in Form einer Vertreterin des Tourismusverbandes von Kastilien und Leon. Die Dame führt eine mehrseitige Pilgerumfrage durch. Leider spricht sie nur Spanisch, was die Sache etwas erschwert, da auch der Fragebogen nur auf Spanisch vorliegt. Giuseppe wird deutlich ungeduldig, während die Frau sich erst mit mir und dann mit Maureen durch den Fragebogen radebrecht. Ich finde allerdings, wenn man um elf Uhr vormittags noch zweieinhalb Stunden vom Tagesziel entfernt ist – oder, anders gesagt, bereits zwanzig Kilometer gelaufen ist – ist das kein Grund zur Panik. Allmählich fängt General Giuseppes Ehrgeiz an, mir auf die Nerven zu gehen. – Wenige Kilometer hinter Castrojeriz führt der Weg auf den Tafelberg Alto de Mostelares, ein Aufstieg, den mein optimistischer Wanderführer mit dem Wort „kurz“ abtut. Die Verfasserin muß eine Art Superwoman sein, jedes Kind kann sehen, daß dieser Aufstieg nicht „kurz“, sondern anstrengend sein wird. Maureen und Giuseppe ziehen davon, während ich mich in meinem eigenen Tempo den Berg hochkämpfe. In meinem Kopf singt Xavier Naidoo einmal mehr von dem Weg, der kein leichter sein wird – ob der hier auch schon entlang gelatscht ist? Lohn der Mühen ist die Aussicht, die mit jedem Schritt großartiger wird. Der Hügel mit der namensgebende Burg von Castrojeriz ist die einzige Erhebung zwischen all den Weizenfeldern, auf den Bergen am Horizont drehen sich Windräder. Hier oben ist es wieder still und einsam – denke ich, bis ich zu dem Rastplatz komme, von dem aus man die schönste Aussicht hat und an dem ich eine wohlverdiente Pause einlegen will. Leider sind drei italienische Pilger kurz vor mir auf die selbe Idee gekommen und veranstalten gerade ein öffentliches Wett-Pinkeln. Heute ist offensichtlich auch der Tag, an dem italienische Pilger meine Geduld testen – wie sehr, werde ich erst später in San Nicolás feststellen. Vorerst hole ich Maureen und Giuseppe wieder ein, und wir marschieren weiter durch Weizenfelder. Hin und wieder findet sich ein grüngelbes Sonnenblumenfeld dazwischen, und irgendwann wird’s fast bunt: Unter dem blauen Himmel stehen rote Erntefahrzeuge in den Feldern.

San Nicolás de Puente Fitero

San Nicolás de Puente Fitero bestätigt eine weitere Camino-Regel: Je länger der Name, desto kleiner der Ort. In diesem Fall nicht einmal ein Ort, sondern nur ein Haus, das links am Wegesrand steht: Eine ehemalige Kapelle, die vor einigen Jahren von der italienischen Jakobsbruderschaft renoviert wurde und im Sommer als Herberge bewirtschaftet wird. Nur im Sommer: Denn in der Kapelle gibt es weder Strom noch fließend Wasser. Allerdings befindet sich hinter dem Gebäude ein Efeubewachsenes Häuschen mit Solarzellen auf dem Dach: Dort sind moderne Duschen mit heißem Wasser untergebracht. Als wir um zwei eintreffen, ist aber noch alles geschlossen, an der Tür hängt ein Zettel vom Hospitalero, der um drei Uhr vorbeikommen wird. Mauro und Martina treffen ein, während wir es uns auf den Bänken vor der Herberge bequem machen und tun, was Pilger tun, sobald sie nicht mehr laufen müssen: Stiefel aus, Flipflops an. Dabei bestätigt sich, was ich den Tag über schon befürchtet hatte: Es hat mich erwischt. Auf meiner linken Zehenspitze prangt eine frische rosa Blase. Mauro bietet sofort die übliche Sammlung an Blasenratschlägen an, und Giuseppe kommentiert: „Welcome to the Camino!“. Recht hat er, endlich muß ich mich nicht mehr als Außenseiterin fühlen, wenn alle um mich herum ihre geschundenen Füße verarzten. Trotzdem ärgere ich mich. Seit ich mit Maureen und Giuseppe laufe, mache ich weniger Pausen, dafür aber längere Strecken, und heute habe ich nicht einmal daran gedacht, in den Pausen die Stiefel auszuziehen, was ich sonst bei langen Etappen immer mache. Offensichtlich ist mein linker Zeh mit dem neuen Tempo nicht einverstanden. – Der italienische Hospitalero kommt mit einem klapprigen Auto vorgefahren und öffnet die Tür zur Kapelle. Und ich weiß sofort: Dies ist der Ort, an dem ich einen wunderbaren Nachmittag verbringen werde. Rechterhand stehen vier Etagenbetten an den kahlen Steinwänden. Linkerhand, unter dem Altar, befindet sich ein langer, mit Feldblumen geschmückter Tisch, an dem ich heute Abend, soviel steht nach der köstlichen Tomate auch fest, ein wunderbares Pilgermenü einnehmen werde.

Während ich an dem langen Tisch sitze und schreibe, nimmt Mauro neben mir Platz und unterhält sich mit einem spanischen Pilger. Ja, viele schöne Bäudenkmäler hier entlang des Caminos, und alle so gepflegt, die Spanier sind wirklich sehr traditionsbewußt – die Italiener ja auch, wirft der Spanier ein, und was haben die alles an Monumenten zu bieten! Allein in Rom… Spanien und Italien gratulieren sich gegenseitig zu geglückter Denkmalpflege, ehe sie Vergleiche zu anderen Europäern ziehen. Die Deutschen, sagt der Spanier, seien ja ganz schlimm. Mauro beginnt zu grinsen. Sowas wie in Deutschland, fährt der Spanier fort, wäre hierzulande nicht möglich. Mauro kichert. Die Deutschen, meint der Spanier, lassen ihre Baudenkmäler schlicht und einfach verrotten. Mauro zwinkert mir zu. Der Spanier, leicht irritiert, schaut fragend zu mir. Mauro legt mir lachend den Arm um die Schultern. Der arme Spanier kapiert endlich und wird rot. Das Thema Denkmalpflege ist abgehakt. Das Thema Mauro noch nicht.

Vor dem Abendessen werden wir sieben Pilger – zu dem Spanier hat sich noch Robert, ein stiller Pole gesellt, dem ich auch schon mehrmals begegnet bin – auf den Stuhlkreis am Altar gebeten. Daß Mauro plötzlich wieder an meiner Seite ist, erstaunt mich schon nicht mehr. Diese Herberge versteht sich vollkommen in der Tradition mittelalterlicher Pilger-Hospitäler, und man will den Pilgern hier höchste Wertschätzung zeigen für das, was sie auf sich nehmen. Dazu gehört nicht nur, daß jedes Angebot von uns, beim Bereiten des Abendessens behilflich zu sein, abgelehnt wird, sondern auch, daß den Pilgern vor dem Essen vom Hospitalero die Füße gewaschen, getrocknet und, ja wahrhaftig, wie im Sprichwort geküßt werden. Ich muß zugeben, daß mich dieser Gedanke seit gestern Abend befremdet hat, seit ich in Giuseppes Wanderführer davon gelesen habe, und ich irgendwie die Hoffnung hatte, dieses Ritual wäre mittlerweile abgeschafft worden. Ich bin nun einmal nicht aus so hehren religiösen Überzeugungen unterwegs wie Giuseppe, der jeden Abend in die Messe geht, oder der Pole Robert, den ich seit Navarrete mehrmals bei meinen nachmittäglichen Dorfkirchenbesichtigungen gesehen habe, jedesmal tief ins Gebet versunken. Ich laufe hier aus ziemlich egoistischen Motiven herum und finde keineswegs, daß der Hospitalero sich meinetwegen so erniedrigen sollte.  – Der Hospitalero, im schwarzen Talar seiner Jakobusbrüderschaft, klärt uns noch einmal über die Tradition der Fußwaschung auf. Er betont, daß ihm dabei darum geht, uns seine  Anerkennung zu zeigen und diese Handlung für ihn keine Erniedrigung, sondern eine Ehre sei. Ich kapiere endlich, daß ich gleich eine der ungewöhnlichsten Erfahrungen meiner Wanderung machen werde, und ziehe meine Flipflops aus.

Und wie war sie nun, die außerordentliche Erfahrung, als Zeichen der Anerkennung die Füße gewaschen und geküßt zu bekommen? Ich habe keine Zeit darüber nachzudenken. Denn kaum ist sie vorbei, nutzt Mauro die Gunst der Stunde, um einen expliziten körperlichen Annäherungsversuch zu unternehmen. Was für eine komplett absurde Situation! Da sitze ich barfuß bei Kerzenschein am Altar einer mittelalterlichen Kapelle, einen feierliche Beschwörungen murmelnden  Mann im schwarzen Talar zu meinen Füßen, sollte tiefste Ergriffenheit in mir fühlen – und spüre nur das dringende Bedürfnis, auf den Italiener an meiner Seite, der mein Vater sein könnte, einzuprügeln!

Das italienische Abendessen nach der Fußwaschung ist köstlich. Ich bin nicht mehr überrascht, daß Mauro in letzter Sekunde sein Glas mit dem seiner Tochter vertauscht und so trotz meiner taktischen Platzwahl neben mir zu sitzen kommt, aber immerhin behält er für die nächste Stunde seine Hände bei sich. Nach dem Essen krabbeln wir in unsere Schlafsäcke, ehe der Hospitalero die Kerzen löscht.

Da haben wir’s: Es ist der Tag erreicht, an dem ich nicht mehr weiß, wo ich mich befinde. Hornillos? Hornillas? del Camino? del Campo? de las Calzadas? – Nach Ausschlafen auf Pilgerart (sieben Uhr) in Burgos gönnen Maureen, Giuseppe und ich uns in dem Café an der Kathedrale, die erst um halb zehn öffnet, ein Luxus-Frühstück. Und wer sitzt beim Verlassen des Cafés in Damenbegleitung davor? Der Sachsenpilger! Die Freude ist groß. Später in der wunderbaren Kathedrale treffe ich ihn nochmals. Seine Damenbegleitung ist aus Quebec. Ihre Unterhaltung würde jeden Kommunikations-Trainer erfreuen: Er spricht deutsch, sie französisch, und alle beide sprechen mit Händen, Augen und Mimik. Ich übersetze ein wenig. Dann erzählt er, weshalb er überhaupt schon in Burgos ist: Er hat sich das Knie verdreht – nicht beim Laufen, sondern beim Aufstehen! -, an Weiterlaufen ist momentan nicht zu denken. Er will pausieren und eventuell in kleinen Abschnitten die letzten hundert Kilometer laufen, die man für die Compostela braucht. Der arme Kerl! Er tut mir so leid, er ist den Tränen nahe, und die ganze Geschichte ist einfach ungerecht. Mit seinem Gottvertrauen, seiner Naivität, seiner Freude an allem und der Bereitschaft, sich trotz nicht vorhandener Fremdsprachenkenntnisse mit jedem zu unterhalten, verkörpert er für mich pilgrim’s spirit at its very best – und wird dann aus dem Rennen geworfen! Während mein Knie nicht mehr schmerzt, meine Füße auch nach dem gestrigen Gewaltmarsch babyweich und blasenfrei sind und nicht einmal der Sonnenband auf meinen Beinen weh tut. – Als ich aus der Kathedrale komme, wird zweistimmig mein Name über den Platz gerufen. Vor dem Hauptportal sitzen, frisch in Burgos eingetroffen, die Lüneburger. Für sie ist der Camino heute zu Ende, und sie wirken glücklich, aber auch erleichtert. Nachdem ich ihren zweiwöchigen Kampf mit Zelt, Monsterrucksäcken und Sommerhitze miterlebt habe, kann  ich das nachvollziehen, trotzdem wünsche ich ihnen, daß sie irgendwann ohne Zelt und ohne Camping-Teekessel hierher zurückkehren werden, um auch noch die zweite Hälfte des Weges zurückzulegen. – Und abgesehen davon: Ich habe die beiden so oft in Augenblicken wiedergetroffen, in denen ich nicht mehr mit ihnen gerechnet hatte – sie werden mir fehlen. Von der anderen Seite des Platzes mahnt General Giuseppe zum Aufbrauch, es ist schon halb zwölf, und wir wollen noch zwanzig Kilometer nach…  Hornillos del ???   zurücklegen. – Der Weg aus Burgos hinaus ist lang, aber nicht so furchtbar wie der hinein. Er wird kurzweilig, nachdem ich Giuseppe gefragt habe, weshalb die Italiener eigentlich immer wieder Berlusconi wählen.  Giuseppe macht den Mund auf und hört die nächste halbe Stunde über nicht mehr auf zu sprechen. Unter dem Motto „Was Sie schon immer über Berlusconi wissen wollten“ tischt er eine unglaubliche Anekdote nach der anderen auf. Am Ende weiß ich immer noch nicht, weshalb die Italiener immer wieder Berlusconi wählen, das Warum ist eigentlich noch größer geworden, aber dafür scheint Giuseppe einiges erzählt zu haben, was er immer schon mal los werden wollte. – Unter einer Autobahnbrücke, die wir unterqueren, bleibe ich unvermittelt stehen: Alle Brücken auf dem Weg sind vollgeschrieben mit Pilgernamen, Nachrichten und weisen Sprüchen. An dieser steht in leuchtend roten Buchstaben: „Hl. St. Hape Kerk bitt für uns“. – Ja, Hl. St. Hape Kerk, du hast wirklich einiges angerichtet hier auf dem Weg.  In Hornillos del Camino angekommen werden wir die Folgen deines Tuns hautnah zu spüren bekommen.

Weg in die Meseta

Zunächst stolpern wir am Ortseingang über einen älteren Pilger in Begleitung einer dicken blonden Frau, die mich für eine alte Bekannte zu halten scheint. Es ist dieselbe Frau, die mich gestern in Burgos mit ihrem freundlichen Gruß irritiert hat. Als ich sie jetzt sehe, mit dem übergroßen Rucksack, der von einer grünen Wolldecke gekrönt wird, erinnere ich mich endlich: Wir sind uns in der Herberge von Viana schon einmal begegnet. Und da wirkte sie ebenso zu Tode erschöpft wie heute. Sie wankt mehr über die Dorfstraße als daß sie läuft, und als wir feststellen, daß die Herberge completo ist, bricht sie in Tränen aus. Sie ist Osteuropäerin,  spricht kein Spanisch, kein Englisch und nur wenig Deutsch, und ich kann ihr kaum klar machen, daß es im Ort ein Notquartier geben soll. Wir müssen nur in der Bar danach fragen. Die Señora aus der Bar führt uns in ein Hinterzimmer der Gemeindeverwaltung: So viele Etagenbetten wie nur möglich – sechs – stehen auf engstem Raum aneinander. Die Señora hat klare Vorstellungen, wie die Betten zu belegen sind: Maureen, Giuseppe und ich bekommen drei obere Betten zugeteilt, schließlich sind wir jung. Der blonden Frau will sie die Kletterei nicht zumuten, und so räumt sie kurz entschlossen ein belegtes unteres Bett frei und verteilt die Sachen auf das danebenstehende obere. Wenn das mal keinen Ärger gibt… die Señora erteilt der blonden Frau detaillierte Anweisungen: Sie soll sich ausruhen. Sie soll viel trinken. Sie soll schlafen. Die arme Frau versteht kein Wort und schaut hilfesuchend zu mir. Die Señora wiederholt ihre Anweisungen in meine Richtung. Der Weg von „No hablo español“ zur Aushilfs-Übersetzerin ist deutlich kürzer als der nach Santiago.  – Als ich vom Duschen wiederkomme, kehrt auch der Besitzer des freigeräumten Bettes gerade  zurück. Es handelt sich tatsächlich um ein deutsches Pärchen, das von der Aktion alles andere als  begeistert ist. Statt zwei untere Betten nebeneinander teilen sie sich jetzt ein Etagenbett, und meine Erklärung, die Señora hätte einer erschöpften Pilgerin etwas Gutes tun wollen, stößt nicht sofort auf Verständnis. Deshalb hier ein wenig Pilgeretikette für Anfänger: Pärchen belegen grundsätzlich gemeinsam ein Etagenbett, niemals zwei untere. Auch junge Einzelpilger haben ihr unteres Etagenbett zu räumen, sollte Bedarf für ältere Pilger bestehen.  – Da das Pärchen seine Wanderung erst heute in Burgos begonnen hat, können sie solche Feinheiten noch nicht kennen. Und sie sind auch nicht allein, wie ich feststelle, als ich mich in den Schatten des Kirchenportales zum Schreiben zurückziehe: Der ganze Ort wimmelt von wanderfreudigen Landsleuten, die am Wochenende frisch in Burgos eingetroffen sind, heute ihre ersten zwanzig Kilometer zurückgelegt haben und sich angeregt über Blasen, Rucksäcke und Wanderführer austauschen. Kein einziges bekanntes Gesicht darunter, ebenso später beim Pilgermenü: Maureen, Giuseppe und ich fühlen uns eigenartig fehl am Platz. Wenn ich an meinen ersten Wandertag zurückdenke… den Abend im Alpenglühen-Kloster… kann ich die Aufregung gut nachvollziehen. Andererseits: Zwanzig Kilometer von Burgos nach Hornillos del Campo, del Camino oder wie dieser Ort auch heißen mag sind eine nette Sache für den Anfang, aber wenn ich an das Gefühlschaos zurückdenke, das ich auf meiner spontanen Wanderung von Oloron nach Sarrance durchlebt habe – das war eindeutig eine Erfahrung von der Art, wie ich sie jedem Pilger wünschen würde.  –  Vor dem Schlafengehen bereite ich wie jeden Abend meinen Rucksack für den nächsten Morgen vor.  Anders als Raschler und Wühler suggerieren, kann man nämlich tatsächlich geräuscharm aus einem Schlafsaal verschwinden, wenn man abends seine Wanderklamotten zurechtlegt und den Rucksack morgens im Vorraum zu Ende packt. Bevor ich in den Schlafsack krabbele, bekommen meine Füße noch eine Vaseline-Massage. Das deutsche Pärchen hockt mit dem Jakobsweg-Buch von Paolo Coelho auf  seinem Etagenbett und beobachtet meine Aktivitäten wie die eines Außerirdischen.  Oh heiliger Hape Kerk, hilf!

Burgos, 6. Juli 2009

Und einmal mehr befinde ich mich auf dieser Reise abends an einem Ort, den ich morgens noch nicht auf der Rechnung hatte… Der ursprüngliche Plan für heute lautete: Sechsundzwanzig Kilometer von Villafranca nach Cardenuela, vielleicht auch nur bescheidene  neunzehn bis Atapuerca, je nachdem, wie sich die ersten zwölf Kilometer  nach San Juan de Ortega entwickeln. Die Etappe beginnt mit einem Aufstieg in die Montes de Oca, den mein Wanderführer als „steil bergauf“ beschreibt. Da mein Wanderführer mit den Worten „steil“ und „bergauf“ normalerweise sehr geizig umgeht, sehe ich dem Tag mit Respekt entgegen.

Die Nacht ist um halb sechs zu Ende, und obwohl ich selbst früh aufstehen wollte, frage ich mich: Wie können so viele Leute so rücksichtslos laut sein? Türen werden aufgerissen und zugeschlagen, die Küchenbank wird hin und her geschoben, Geschirr klappert, wer noch schläft, dem wird mit der Stirnlampe ins Gesicht geleuchtet. Während ich im Vorraum meinen Rucksack packe, brüllen zwei spanische Pilger einander von Etage zu Etage ihren Tagesplan zu. Einer der beiden hat gestern Abend in der Mini-Herbergsküche ein Notebook ausgepackt und seinen Jakobsweg-Blog aktualisiert. Na gut, ich habe schon Pilger gesehen, die Kiloweise Foto-Ausrüstung durch die Gegend schleppen, aber ein Notebook?! – Die Atmosphäre ist so unangenehm, daß ich zum Frühstück vor die Tür flüchte. Zum Laufen ist es mir ohnehin noch zu dunkel – ich laufe nicht gerne im Dunkeln, und schon gar nicht, wenn das erste Stück aus einem Aufstieg in ein Waldgebiet besteht. Auch das gehört übrigens zu den Dingen, die mir bei Beginn meiner Reise nicht klar waren: Da zwischen Deutschland und Spanien keine Zeitverschiebung mehr existiert, Spanien aber ja viel weiter westlich liegt, ist es hier zu einer Jahreszeit, zu der in Nord-Deutschland um fünf die Sonne aufgeht, um sechs noch stockfinster. Dafür bleibt es abends so lange hell, daß man um halb elf noch ohne Licht lesen kann.

Sobald es hell genug ist, spaziere ich los. An der Kirche und dem Hotel vorbei, und dann beginnt auch schon der steile Anstieg in die Montes de Oca. Der Weg führt durch einen märchenhaft nebelverhangenen Wald mit von Flechten bewachsenen Eichen. Den Boden bedecken Farne und lilablühendes Heidekraut. In dieser Umgebung ist es nicht schwer sich vorzustellen, was mein Wanderführer über die Montes de Oca zu berichten weiß: Daß hier zu mittelalterlichen Pilgerzeiten Räuben und Banditen ihr Unwesen trieben. Andererseits, sollte neben dem nächsten gelben Pfeil Schneewittchen mit den sieben Zwergen stehen, wäre ich auch nicht weiter verwundert. – Der Anstieg ist überraschend schnell bewältigt und längst nicht so schwer erwartet. Oder bin ich einfach fitter als vor zwei Wochen in den Pyrenäen? Der Weg mündet auf einen schnurgeraden Waldweg, der genauso gut durch den Harz führen könnte. Rechts Nadelbäume, links Nadelbäume und über mir ein bedeckter Himmel. Da kommt man schnell voran, und als ich schließlich die Klostergebäude von San Juan de Ortega vor mir im Tal liegen sehe, kann ich nur staunen: Über drei Stunden hat mein Wanderführer für diese Strecke veranschlagt  (und die Verfasserin ist definitiv eine Rennpilgerin!) – ich war jetzt gerade mal zweieinhalb unterwegs und bin trotz des Anstiegs nicht im geringsten erschöpft. Da kann ich den Rest des Tages ganz entspannt angehen und mich in San Juan gemütlich zu Maureen und Giuseppe gesellen, die bereits bei Café con Leche und Bocadillo vor der Bar sitzen. Nachdem ich mich mit Koffein und Schokoladengebäck für das Frühstück vor der Herbergstür entschädigt habe, schauen wir uns die Klosterkirche an. Und in dieser stillen, leeren Kirche ist plötzlich mein verstorbener Vater in meinen Gedanken. Oh ja, ich weiß ganz genau, was er zu meiner Jakobsweg-Idee gesagt hätte: „Du bist verrückt geworden! Mach was Vernünftiges!“ – aber je näher mein Aufbruch gerückt wäre, desto begeisterter wäre er gewesen, und irgendwann, wahrscheinlich genau zum jetzigen Zeitpunkt, wo ich fast vierhundert Kilometer ohne größere Probleme gelaufen bin und die Chancen, daß ich auch noch die übrigen fünfhundert schaffe, täglich besser stehen, hätte er mit stolz geschwellter Brust jedem,  der ihm in den Weg käme,  von SEINER Tochter erzählt, die den GANZEN spanischen Jakobsweg ALLEIN läuft. In diesem Augenblick wünsche ich mir nichts mehr, als ihm wirklich vom Weg erzählen zu können – von Angesicht zu Angesicht und nicht nur in meinen Gedanken. Ehe der Kloß in meinem Hals zu mächtig werden kann, nehmen mich Maureen und Giuseppe am Kirchenportal in Empfang. Gemeinsam laufen wir weiter. Wir tauschen Pilgerklatsch aus: Giuseppes Lieblingsgeschichte von dem Kanadier Larry, der morgens um halb sieben in voller Regenmontur vor einer Herberge stand und verkündete, es würde heute regnen, er hätte gerade mit seinem Vater gesprochen. Giuseppe hat immer noch nicht herausgefunden, ob Larry tatsächlich in Kanada angerufen hat, um sich den spanischen Wetterbericht googeln zu lassen – und da Larry uns jetzt mindestens einen Tag voraus ist, wird sich das wohl auch nicht mehr klären. – Von anderen gemeinsamen Pilgerbekannten kann Giuseppe auch erzählen: Mamma, Pappa und Elena aus Italien. Offensichtlich war Elena schon in Roncesvalles schlecht gelaunt.  Hauptsächlich ist die Familie ihm aber in Erinnerung geblieben, weil während der Pilgermesse in Roncesvalles Pappas Handy in voller Lautstärke zu klingeln begann… aber man sollte seine Co-Pilger nie unterschätzen: Auch diese drei, die ich zwischenzeitlich mehrfach am Rande des Erschöpfungstodes gewähnt habe, haben uns mittlerweile überholt. – Vor einem anderen Pilger laufen wir an diesem Tag selbst davon: Vor dem Spanier mit dem Notebook. Giuseppe hat ihn B52-Bomber getauft, weil er ihm seit Roncesvalles mehrere schlaflose Nächte beschert hat. In Villafranca hat er in dem anderen Raum geschlafen, aber Giuseppe ist sicher, sein Schnarchen auch durch die Wand gehört zu haben. Sobald er B52 unterwegs sichtet, gibt er Fersengeld. Mich läßt B52 an die Hospitalera von Cirauqui denken, die uns so eindringlich geraten hat, um spanische Pilger einen großen Bogen zu machen…  – Unser Tagesziel Cardeñuela erreichen wir um zwölf Uhr. An einer Hauswand prangt ein Grafitti, das gerne in Wanderführern auftaucht, ein Pilger, der unter der Last seines überdimensionalen und mit vielen unnötigen Dingen gefüllten Rucksacks schwitzt. Ansonsten ist der Ort menschenleer und wirkt… tot. Es ist definitiv nicht der Ort, an dem ich den Rest eines langen Tages verbringen möchte, und Maureen und Giuseppe geht es ähnlich. Da die Herberge ohnehin erst am Nachmittag öffnet, hocken wir uns erst einmal auf die Terrasse der Bar und beratschlagen bei einem Bocadillo. Das Problem ist, daß sich die nächste Herberge erst in Burgos befindet, und bis dahin sind es noch sechzehn Kilometer. Das Wetter ist perfekt zum Wandern, und wir fühlen uns alle drei noch fit und fröhlich, aber wir haben auch alle drei schon sechsundzwanzig Kilometer in den Beinen. Meine Bemerkung, das allerletzte Stück nach Burgos hinein könnte man ja auch mit dem Bus fahren, zumal die Strecke entlang der Einfallstraße wirklich schaurig sein soll, kommentiert Giuseppe mit einem entsetzten Kopfschütteln: Busfahren tut kein anständiger Pilger. Nur die schönen Strecken laufen und bei den unangenehmen den Bus nehmen, das geht gar nicht, das Leben an sich würde ja auch nicht nur aus schönen Seiten bestehen. – Naja, wir haben da wohl unterschiedliche Denkansätze. Angeblich gibt es kaum einen Pilger, der den Camino Francés läuft und zwischendurch nicht mal auf Bus, Bahn oder Taxi umsteigt. Wenn ich heute aus eigener Kraft nicht mehr nach Burgos komme, dann muß mir halt der Bus helfen… dann erinnert mich mein Gewissen daran, wie schlecht es sich auf der Busfahrt zum Somport gefühlt hat. Die endgültige Entscheidung pro oder contra Burgos fällt, als Giuseppe etwas grün um die Nase von der Toilette  zurückkehrt. Da die Herberge von der Bar aus betreut wird, haben wir jetzt ungefähr eine Vorstellung davon, was uns dort erwartet. Weitere sechzehn Kilometer sind definitiv das kleinere Übel. – Wir spazieren munter los. Die ersten Kilometer sind vertraute Getreidefelder, aber schon bald macht sich das Einzugsgebiet von Burgos bemerkbar. Angeblich gibt es einen zweiten Weg über Castañares, der kürzer und schöner ist als die Originalroute, aber irgendwie übersehen wir den entsprechenden Abzweiger, und dann stehen wir schon in Villafría auf der Einfallstraße nach Burgos und müssen eigentlich nur noch geradeaus laufen. Eigentlich nur noch geradeaus. Dieser Tag, der bisher leicht bedeckt und relativ kühl war, verwandelt sich am Nachmittag doch noch in einen echten Sommertag. Schatten am Weg? Fehlanzeige. Nun machen sich auch die dreißig plus X Kilometer,  die wir unterwegs sind, bemerkbar.

Dieser Weg wird kein leichter sein...

Die mehrspurige Straße führt durch ein nicht enden wollendes Industriegebiet, überquert die Autobahn und mündet in ein weiteres Industriegebiet. Auf der anderen Straßenseite sehen wir B52 in einen Bus steigen. Irgendwann wird die Bebauung städtischer, immerhin gibt es jetzt Hochhäuser, in deren Schatten wir laufen können. Aber das Zentrum von Burgos scheint immer noch unendlich weit entfernt, und keine der Innenstadtkarten in unseren kanadisch-italienisch-deutschen Wanderführern kann uns einen Anhaltspunkt geben, wo wir uns ungefähr befinden. Anders gesagt: Da wir uns noch nicht auf den Innenstadtkarten befinden, ist das Zentrum nachwievor ziemlich weit weg. Ich laufe wie ein Roboter, den Blick fest auf Giuseppes Füße geheftet: Solange die laufen, laufe ich auch. Es ist eigenartig, was Erschöpfung mit uns anstellt: Maureen bekommt kein Wort mehr über die Lippen. Ich hingegen plappere unkontrolliert vor mich hin. Giuseppe ist sichtbar angestrengt, scheint aber auch zu merken, daß wir uns nur noch fortbewegen können, solange er, der Mann in unserem Wanderverein, weiterläuft. Also geht er mit gutem Beispiel voran. Und nach vier Stunden erreichen wir tatsächlich das Zentrum von Burgos. Einundvierzig Komma sieben Kilometer, sagt mein Wanderführer. So weit bin ich noch nie in meinem Leben an einem Tag zu Fuß gelaufen. Schon gar nicht mit einem Rucksack auf dem Rücken! – In Burgos gibt es drei Herbergen. Die erste befindet sich am Stadtrand, da läuft heute von uns keiner mehr hin. Die zweite Herberge im Zentrum nahe der Kathedrale ist uns mit über hundert Betten  schlicht und einfach zu groß – wir beherzigen nachwievor den Ratschlag der Hospitalera aus Cirauqui, die uns kleine Herbergen ans Herz gelegt hat. Außerdem ist die Wahrscheinlichkeit hoch, daß B52 sich ebenfalls die Großherberge ausgesucht hat. Der Gedanke, nach diesem Marsch von einem spanischen Extrem-Schnarcher um den Nachtschlaf gebracht zu werden, weckt in uns allen ungeahnte Energien.  Die dritte Herberge liegt ebenfalls im Zentrum und hat nur zwanzig Betten. Ich drücke und ziehe vergeblich an der Tür, dann stellen wir fest:  Hier geht’s gar nicht zur Herberge, sondern zur Kapelle. Zur Herberge führt die Wendeltreppe links von uns. Nach dieser letzten Prüfung an unserem Einundvierzig-Kilometer-Tag befinden wir in einen großen Raum, in dem zehn Etagenbetten stehen. Die winzige Küche mit zwei Duschen ist im hinteren Teil untergebracht.  Eine leicht abwesend-wirkende Hippie-Hospitalera deutet auf Stühle und Bänke, auf die wir dankbar fallen, und erklärt: Drei Betten, ja, die hat sie gerade noch frei. Normalerweise sei die Herberge um diese Uhrzeit bereits voll, aber da sie erst heute mittag bemerkt hat, daß sie heute morgen vergessen hat, das completo-Schild von der Tür zu nehmen, kann sie uns noch aufnehmen. Definitiv die positive Überraschung des Tages! In dem großen Raum herrscht die gemütliche Atmosphäre eines WG-Wohnzimmers, da macht es mir auch nichts mehr aus, daß meine armen Beine zum Schlafen in ein oberes Etagenbett krabbeln müssen.

Am frühen Abend bin ich immerhin soweit regeneriert, daß ich mich zu einem Stadtbummel aufraffen kann. Der endet vor der Kathedrale, wo ich mit Maureen und Giuseppe verabredet bin, die wie jeden Abend die Messe besuchen. Die Messe wird in einer Seitenkapelle gefeiert, die Kathedrale an sich ist für Besichtigungen bereits geschlossen: Das holen wir morgen früh nach. Während ich auf dem Steinsims vor dem Westportal sitze, kommt ein junger französischer Pilger, den ich aus Viana kenne, die Treppe herauf gehumpelt. Er ruft mir nur eine  Zahl zu: „Fiftysix!“ – Fiftysix was? Stufen? Tage? Co-Pilger? – Nein, Kilometer am heutigen Tag. Ich bin vollkommen fassungslos, und anstatt ihm zu seiner sportlichen Höchstleistung zu gratulieren, halte ich ihm einen Vortrag darüber, daß er seine Gesundheit, seine Füße und seinen Camino riskiert. Aber das weiß er eigentlich auch selbst, so mühsam, wie er die Treppen wieder hinunter humpelt. Als nächstes grüßt mich eine dicke blonde Frau, die ich in meinem ganzen Leben noch nie gesehen habe und die mich für eine alte Bekannte zu halten scheint. Oder habe ich sie vielleicht doch schon einmal gesehen? Allmählich verliere ich den Camino-Überblick.

Westportal der Kathredrale von Burgos

 Als Giuseppe und Maureen aus der Messe kommen, ist es erstaunlich kühl geworden. Wir flüchten uns in die Salvador-Dalí-Ausstellung, die die Hippie-Hospitalera uns empfohlen hat: Pilger hätten freien Eintritt (Normalsterbliche auch, wie wir vor Ort feststellen). So endet dieser Tag, der im Morgengrauen im Märchenwald hinter Villafranca begonnen hat, einmal mehr vollkommen unvorhersehbar zwischen Dalís Illustrationen zur Göttlichen Komödie. – Von Anfang an habe ich jeden Tag auf dem Weg als Geschenk empfunden. Jeden Abend frage ich mich vor dem Einschlafen, was mir morgen an wundersamen Dingen widerfahren wird. Und jeden Tag denke ich mindestens einmal, daß das alles  hier nur ein schöner Traum sein kann und  ich beim nächsten Weckerklingeln nicht in meinem Schlafsack in einem Herbergesbett liegen werde, sondern unter meiner Hamburger Bettdecke.

Der Tag beginnt bedeckt und meinerseits lustlos. Es ist auch wirklich nicht schlau, einen sonntäglichen Wandertag um halb sieben mit nur einem Gedanken zu beginnen: Ich muß einen Supermarkt finden! Dieses Vorhaben ist in den ersten beiden Orten hinter Redecilla natürlich nicht von Erfolg gekrönt. Dafür wird mir klar, weshalb Kerkelings Österreicherin jeden mit ihrer G’schäfterl-Frage genervt hat: Die arme Frau litt einfach wie ich an unkontrollierbaren Hungerattacken und brauchte Müsliriegel. – Hinter Viloria stolpere ich zuerst über das Zelt der beiden Lüneburger am Wegesrand, dann plaudert mich ein älterer Señor an – genauer gesagt: Er überholt mich, bleibt dann ein paar Schritte weiter stehen und fuchtelt wie wild mit der rechten Hand in Richtung des Weizenfeldes auf der anderen Straßenseite. Schließlich verstehe ich, was er meint: Irgendein Tier, wohl ein Reh, hüpft durch’s Feld. Wie der Señor das mit bloßem Auge und ohne Brille erkennen konnte, ist mir ein Rätsel. Señor spaziert die nächsten drei Kilometer bis Villamayor neben mir her: Er ist den Camino auch zweimal gegangen. Momentan seien deutlich weniger Pilger unterwegs als im Mai und Juni. Freut mich zu hören – einerseits. Anderseits sinkt damit die Wahrscheinlichkeit, daß ich die Iso-Matte, die ich seit sechzehn Tagen oder  dreihundertsechzig Kilometern durch die Gegend trage, jemals benutzen werde! – In Belorado entdecke ich noch mehr Storchennester auf dem Kirchturm, dann einen Geldautomaten, aber immer noch kein geöffnetes G’schäfterl, geschweige denn ein Café. Nur der Zeitungsladen verkauft klebrige Donuts, Schokoriegel und Chips. Da freut sich jeder Ernährungsexperte, aber egal: Ich brauche Proviant. Daß der am Tagesziel Villafranca angeblich vorhandene Laden geöffnet sein könnte, halte ich kaum für möglich. Morgen hinter Villafranca kommt auf jeden Fall kilometerlang gar nichts. Meine letzte Hoffnung ist die Tankstelle am Ortsausgang hinter Belorado. Dort kann ich meinen schrumpfenden Vorräten immerhin noch eine Rolle Kekse hinzufügen.

Der Rest des Weges gestaltet sich idyllisch zwischen Weizenfeldern. Die Sonne ist herausgekommen, ein Ort reiht sich nach wenigen Kilometern an den nächsten. Das verkürzt die gefühlte Entfernung enorm. Es ist immer hilfreich, wenn das nächste Dorf schon in Sichtweite ist. Die Häuser sind entweder liebevoll gepflegt oder befinden sich in verschiedenen Stadien des Verfalls. Kein Wunder, daß Pilger hier überall mit offenen Armen empfangen werden: Ohne uns würden in dieser Region wahrscheinlich bald die Lichter ausgehen. Denn außer Weizenfeldern und Camino ist hier gar nichts.

Vor Villambistia

Die Herberge von Villafranca befindet sich direkt an der auch am Sonntag von LKWs stark befahrenen Hauptstraße. Die Hospitaleros kommen erst am frühen Abend zum Stempeln und Kassieren vorbei, man kann sich einrichten, wie man will, und so suche ich mir zielstrebig ein Bett in dem rückwärtigen, von der Straße abgewandten Schlafsaal. Maureen und Giuseppe treffen kurz nach mir ein und schlagen vor, daß wir zusammen essen gehen. Essen! Ich! Immer! Da Maureen von einer akuten Hungerattacke gequält wird – kann ich sehr gut nachvollziehen! – und die Etappe nicht allzu schweißtreibend war, tauschen wir nur die Wanderstiefel gegen Flipflops und spazieren ungeduscht und in unseren Wanderklamotten zur nächsten Bar. Die nächste Bar entpuppt sich als verqualmter Truckertreff und bietet nur Tapas, kein Pilgermenü. Ein netter Spanier löst sich aus der Menge und spricht uns an:  Wenn wir Pilger wären sollten  wir es mal in dem gelben Haus gegenüber der Kirche probieren. Wir spazieren also zur Kirche. Am Eingang des großen gelben Hauses empfängt uns eine elegant gekleidete Dame. Pilger, sí ,sí, wir sollen mal mitkommen. Wir werden einen gelb-weinrot gestrichenen und mit goldenen Spiegeln verzierten Gang entlang geführt. Der Hotelfachfrau, die sich in dem verstaubten Wanderzeug und den Flipflos versteckt,  geht endlich ein Licht auf: Wir befinden uns im örtlichen Romantik-Hotel. Und da der Gang, den die elegante Dame uns entlang führt, offensichtlich bei den Toiletten endet, sollen wir dort wohl entsorgt werden. Kann ich gut verstehen, ich weiß, wie ich noch vor drei Wochen bei der Arbeit Leute angeschaut hätte, die in meinem Zustand auch nur in die Nähe des Hotel-Restaurants gekommen wären. Der Gang biegt aber unvermittelt ab, und wir stehen plötzlich in einem geschmackvoll gerichteten und  feierlich eingedeckten Speisesaal. Uns werden die Stühle zurechtgerückt – ich erwarte fast, daß man sie mit Plastik abdeckt, bevor wir uns setzen dürfen, aber nichts dergleichen geschieht.  Wir werden äußerst freundlich und zuvorkommend bedient und bekommen das leckerste Pilgermenü der letzten drei  Wochen serviert. Selbst die Flasche Wasser, die wir nachbestellt haben, erscheint nicht auf der Rechnung. Und das alles nur, weil wir beschlossen haben, wochenlang zu Fuß durch die Gegend zu laufen!

Zurück in der Herberge erwartet uns nach dem Duschen und Wäschewaschen die nächste Überraschung des Tages: Die Schweden sind wieder da! Trotz Pierres Blasen sind sie fast dreißig Kilometer aus Grañon hierhergelaufen. Nun sind die Blasen allerdings so entzündet, daß sie morgen nicht laufen, sondern warten werden, bis das medizinische Zentrum neben der Herberge öffnet.  Wie sie den Weg dann fortsetzen, wissen sie noch nicht.

Zum Schreiben suche ich mir die schattige Bank neben dem Hotel aus. Der Blick geht auf die Weizenfelder vor dem Ort und die Kirche – und kaum habe ich mein Buch aufgeklappt, tauchen die Lüneburger wieder auf. Zwei Nächte vor ihrem Endziel Burgos haben sie sich das Hotel gegönnt, beziehungsweise: Sie haben einfach mal  aus Neugier nach den Preisen gefragt. Zum Pilgertarif von fünfundvierzig statt neunzig Euro konnten sie dann nicht nein sagen. Ja, sowas werde ich mir auch gönnen… wenn ich in Santiago angekommen bin.

Der heutige Tag war landschaftlich mal wieder eher uninteressant: Weizenfelder, Weizenfelder, und wem das noch nicht reicht: Noch ein paar Weizenfelder. Mit Mohn, mit weißen Blumen, mit gelben Blumen, mit Disteln, mit Ich-weiß-nicht-was. Dafür habe ich zum ersten Mal die Pilgerautobahn erlebt, und das um halb sieben Uhr morgens: Auf dem langen Feldweg aus Azofra heraus reiht sich ein Rucksackträger an den nächsten. Pierre humpelt mit seinen Blasen seiner Silja hinterher. Der kleine Filipino aus Viana kämpft sich tapfer den Hügel hoch. Eine der beiden Polinnen hält sich mühsam an ihren Stöcken aufrecht. Everything OK? – Yes, yes! – Naja, sieht mir gerade gar nicht so aus, aber wenn sie meint…  Gegen acht Uhr erreicht das tapfere Trüppchen Cirueña, den Ort, der ein weiterer Beweis dafür ist, daß es in Spanien eine tiefgreifende Immobilienkrise geben muß. Ein Retortendorf aus leerstehenden Neubauten, inklusive Swimming Pool, frisch gepflasterten Straßen und prachtvollen Laternen, der um diese Uhrzeit alle Kriterien für eine moderne Geisterstadt erfüllt. Anschließend geht es weiter nach Santo Domingo de la Calzada, und auf halbem Weg dorthin spricht mich Franzose Samuel in fließendem Deutsch an, Medizinstudent, zu Fuß aus Dijon kommend. Wichtigstes Accessoire in seinem Rucksack: Seine Blockflöte.  Unterwegs ist er, weil seine Freundin für sechs Wochen in Nepal ist und er sich alleine langweilt. In Frankreich zu wandern war schön – das finde ich auch – aber Spanien findet er doof, und er will nur noch eines: In Santiago ankommen. Mir kommt der Gedanke, daß der Tag, an dem ich wirklich nur noch in Santiago ankommen will, der Tag wäre, an dem ich den Camino abbreche. So funktioniert das nämlich auch nicht. Das abgenutzte Sprichwort „Der Weg ist das Ziel“ wird hier jeden Tag mit neuem Sinn erfüllt – wenn man sich darauf einläßt. Und dann kann Santiago irgendwann gar  nicht mehr weit genug entfernt liegen.  – Trotz unserer in allen Beziehungen gegensätzlichen Ansichten spazieren wir gemeinsam in die Stadt hinein und frühstücken zusammen vor der noch geschlossenen Kathedrale. Schließlich läuft Samuel getreu seinem Vorsatz, so schnell wie möglich in  Santiago anzukommen, weiter, während ich mir die Kathedrale anschaue – es ist die mit den berühmten Hühnern. Weit mehr beeindrucken mich aber die zwölf Storchennester, die ich später beim Verlassen der Stadt passiere, inklusive klappernder und fliegender Bewohner. Das finde ich viel sensationeller als die gackernden Hühner. – Auf dem Rest des Weges gibt es Weizenfelder. Und Weizenfelder. Und noch mehr Weizenfelder. Das Tagesziel heißt eigentlich Grañon, aber das kommt mir vor Ort albern vor: Tagelang beklage ich mich über die Hitze, und heute, wo es angenehm bedeckt ist, will ich um halb eins bei Kilometer zweiundzwanzig Feierabend machen? Also spaziere ich nach einer Pause weiter bis Redecilla del Camino. Auf dem Weg dorthin überquere ich die Grenze nach Castilla y Leon und passiere noch mehr… Weizenfelder. Hier fällt es dann doch ins Auge, daß man nicht mehr im reichen Navarra ist, Redecilla del Camino wirkt ziemlich heruntergekommen. In der Herberge, die hinter einer Bar liegt, hält die Hospitalera mir einen abgegriffenen Hefter  mit Essensbildern unter die Nase – daraus kann ich mir mein abendliches Pilgermenü zusammenstellen, wenn ich will. Eine Gelegenheit zum Essen lasse ich  mir dieser Tage sicher nicht entgehen, obwohl der Zustand des Hefters nicht gerade appetitlich wirkt. Das Essen auf den zerknitterten Fotos sieht allerdings gut aus, und wenn’s nicht schmeckt: Da das ganze auf Spendenbasis läuft, kann ich selbst entscheiden, wie viel es mir wert ist. Alternativen gibt es im Ort ohnehin nicht. – Bald nach mir treffen auch Maureen und Giuseppe ein. Während wir darauf warten, daß Waschbecken für die tägliche Handwäsche frei werden, plaudern Maureen und ich über zwei eigenartige Phänomene: Erstens, warum sind hier deutlich mehr Kanadier als US-Amerikaner unterwegs? Kanadier treffe ich hier jeden Tag, US-Amerikaner habe ich noch nicht einen einzigen gesehen. Folge der Wirtschaftskrise?  Oder sind Kanadier einfach beweglicher? Zweitens, wie kann es angehen, daß Maureen und Giuseppe jeden Tag vor deutlich vor mir starten, definitiv schneller laufen als ich und trotzdem immer nach mir ankommen? Es hat etwas mit Pausen und Laufrhyhtmus zu tun, die beiden machen eine ausgedehnte Frühstücks- und eine lange Mittagspause, während ich mal hier und mal da stehen bleibe und dort Pause mache, wo die Aussicht schön ist.  Dann ist da noch der Ein-Stock-Zwei-Stock- Unterschied, der mir schon bei anderen Pilgern aufgefallen ist: Pilger mit zwei Nordic-Walking-Stöcken wie Maureen und Giuseppe laufen in einem regelmäßigeren Rhythmus als ich mit meinem einzelnen Stock. Auf ebenen Strecken bin ich relativ schnell, sobald es bergauf geht, werde ich sehr langsam, und wenn es (steil) bergab geht, werde ich zur Schnecke. – Das abendliche Pilgermenü ist dann die positive Überraschung des Tages: Das Essen sieht tatsächlich so aus wie auf den Fotos, und es schmeckt köstlich.

Ältere Artikel »